20. Sep 2004

Die Fragen stellte Lothar Frangenberg für kunstaspekte.

kunstaspekte: Halten sie die "Schrumpfenden Städte" trotz ständig wachsender Weltbevölkerung und immer größer werdender "Megacities" für ein dauerhaftes Phänomen oder sind sie nur temporäre, von Zeit zu Zeit auftretende Ereignisse gegen den "Trend" der sich endgültig globalisierenden Wirtschaftssysteme? Sind sie gar Vorboten größerer Wanderungs- und Entvölkerungsbewegungen, die in Zukunft ganze Landschaften, Regionen oder Staaten treffen könnten?

Philipp Oswalt: Wir konnten bzw. mussten mit unserer globalen Studie feststellen, dass schrumpfende Städte ein in den letzten Jahrzehnten stetig zunehmendes Phänomen war. Der Anteil der schrumpfenden Städte an der Gesamtzahl der Städte ist stetig gestiegen. In den 90er Jahren sind ein Viertel aller Großstädte der Welt geschrumpft. Auf Grund des Fortwirkens verschiedener Prozesse, wie demografischer Wandel, Suburbanisierung etc., müssen wir davon ausgehen, dass dieser Trend anhält und zuweilen ganze Landesteile betrifft. Gleichwohl ersetzt nicht Schrumpfung als neues Paradigma das Wachstum. Vielmehr haben wir es mit der Gleichzeitigkeit von Wachstums- und Schrumpfungsprozessen zu tun.
Natürlich ist das Schrumpfen einer einzelnen Stadt immer ein zeitlich begrenzter Vorgang, der gleichwohl Jahrzehnte fortdauern kann. Entweder konsolidieren sich Städte auf einem niedrigeren Niveau (oder wachsen auch wieder an), oder - was selten der Fall ist - verschwinden ganz, womit die Schrumpfung auch beendet ist.

kunstaspekte: Wie sehen Sie die Unterschiede zwischen den nicht planbaren, ständig neu und chaotisch entstehenden (Slum)-Vierteln der "Megacities" und den verwahrlosenden "Leerräumen" der schrumpfenden Städte. Beide Zonen sind Nischen z.B. für Subkulturen und neue Überlebensstrategien. Gibt es hier in diesem Sinne überhaupt sinnvolle und unterscheidende Kriterien?

Philipp Oswalt: Überlebensstrategien sind Hinweise auf Armut, und die gibt es bei Schrumpfung wie bei Wachstum. Man erinnere sich nur an die dramatischen Zustände in den Städten Westeuropas zu Ende des 19. Jh. Überhaupt gibt es einige Parallelen zwischen diesen urbanen Veränderungsprozessen, gleichwohl überwiegen natürlich die Unterschiede: beim Wachsen gibt es eine räumliche Knappheit, beim Schrumpfen einen Raumüberschuss. Wachstum geht mit massiven physischen Veränderungen einher, Schrumpfung hingegen kann sich als dramatischer städtischer Wandel nahezu ohne physischen Wandel vollziehen. Wachsende Städte sind von Zuwanderung und damit von exogenen Kräften und einer recht jungen Bevölkerung geprägt; schrumpfende Städte von Abwanderung, dem Fehlen exogener Kräfte und einer stark alternden Bevölkerung.

Philipp Oswalt zur Ausstellung: Shrinking Cities

04.09.04 - 07.11.04 Schrumpfende Städte / Shrinking Cities KW Berlin
Kurator: Philipp Oswalt

link: Schrumpfende Städte - Ausstellungsseite KW, Berlin in kunstaspekte