14. Jul 2006

Ausstellung: Martin Kippenberger
08.02. - 07.05. 2006 Tate Modern, London
10.06. - 10.09. 2006 K21, Düsseldorf

Die Fragen stellte Lothar Frangenberg für kunstaspekte.

kunstaspekte: Lässt sich eine Form der Annäherung an die Ausstellung für den Besucher bevorzugt empfehlen? Auf der einen Seite empfängt einen das komplexe Werk Kippenbergers in all seiner Sinnlichkeit, auf der anderen Seite spürt man unmittelbar die Brüche und das Reflektierende.

Doris Krystof: Im Zentrum der Retrospektive von Martin Kippenberger (1953-1997) steht die raumgreifende Installation "The Happy End of Franz Kafka´s ´Amerika´", von der die AusstellungsbesucherInnen gleich in der großen Eingangshalle von K21 wie zum Einstieg in Kippenbergers komplexes Werk empfangen werden. Mit dem auf einem grünen Spielfeld arrangierten Panoptikum aus Möbeln und skulpturalen Objekten knüpfte Kippenberger 1994 für eine Ausstellung in Rotterdam an ein Szenario von massenhaft zu führenden Bewerbungsgesprächen an, das Kafka in seinem Romanfragment "Amerika" kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs entworfen hat. Getarnt als Streifzug durch die Kunst- und Designgeschichte des 20. Jahrhunderts stellt Kippenbergers Installation Existenzerhalt als eine Frage von Wettbewerb und Kommunikation dar. Zum Ausdruck kommt die bei Kippenberger zentral verhandelte Thematik, die - bisweilen in einem durchaus kafkaesken Sinne - um den Kontrast von Freiheit und Reglementierung kreist, um Individualität, künstlerische Hierarchie, gesellschaftliche Normierung und die Stellung des Subjekts. Die "Kafka"-Installation erweist sich als eigenes Universum, zeigt sich als Zusammenfassung des Werkes und der Ideen des Künstlers. Von der "Kafka"-Installation aus entwickeln sich die Stränge der Ausstellung, die sich im Untergeschoß von K21 mit Skulpturen, Zeichnungen, Gemälden, Büchern, Plakaten, Filmen etc. fortsetzt.

kunstaspekte: Die Texte im Katalog vermitteln, dass das Werk Kippenbergers vieler weiterer Sichtungen und Untersuchungen bedarf. Die KuratorInnen stellen sich auch als Suchende und Fragende dar. Nähern sich hier die Rollen von KuratorInnen und BesucherInnen auf interessante Weise an?

Doris Krystof: Indem die Ausstellung mit einer angelsächsischen Institution, mit Tate Modern, London, entwickelt wurde, ergab sich von Anfang die Chance, eine distanzierte Sicht auf Martin Kippenberger einzunehmen, was für uns auch bedeutete, den Fokus von der agierenden Person weg auf die dahinter stehenden Arbeiten und Konzepte zu richten. In Großbritannien ist Kippenberger ja bislang nahezu unbekannt gewesen, während hier im Rheinland jeder glaubt, schon alles über ihn zu wissen, schon alles von ihm zu kennen. Dieser ambivalenten Situation galt es zu begegnen. Wir versuchten also, aus einer distanzierteren Perspektive all die eingefahrenen Kippenberger-Klischees - Kneipenkünstler, Scherzchenpeter, Ironiker, Sexist, Rassist etc. - zu hinterfragen und durch eine komplexere Sicht zu ersetzen. Im Katalog kommen insofern Positionen zu Wort, die sich dezidiert mit den künstlerischen Arbeiten, den Inhalten, den Intentionen und Konzepten befassen.

kunstaspekte: Sie bezeichnen Kippenbergers Werk in einem Katalogtext als antimetaphysisch. Ist es richtig, wenn wir darunter verstehen, dass der Künstler die großen ideologischen Fragestellungen meidet und die scheinbare und ironische Bestätigung des Alltags unter Beibehaltung von Widersprüchen zeigt?

Doris Krystof: Bezeichnenderweise lautete der - im besten Sinne als antimetaphysisch zu bezeichnende - Titel von Kippenbergers erster Museumsausstellung "Miete Strom Gas" (1986 im Hessischen Landesmuseum, Darmstadt) - und das ist weit mehr als eine "ironische Bestätigung des Alltags", wie es in der Frage anklingt, sondern Benennung von puren, materiellen Existenzialia. Die Skulpturengruppe "Familie Hunger", die damals in Darmstadt unter anderem gezeigt wurde, und die auch in K21 zu sehen ist, weist in dieselbe Richtung: die an Henry Moore-Plastiken erinnernden Figuren mit ihrem wörtlich genommenen Loch im Bauch belegen bestens Kippenbergers Methode der Profanierung. Bronze wird durch Styropor ersetzt, der Titel weist auf ein menschliches Grundbedürfnis hin. Kippenberger setzte gezielt bei den Mythen und Mystifizierungen der Kunst seiner Zeit an. Der Anfang der 80er Jahre proklamierte Hunger nach Bildern, neue Strömungen wie Transavanguardia etc., aber auch ein einzigartiger Boom auf dem Kunstmarkt mit den damit einhergehenden Fragen nach dem Wert eines Kunstwerks stellen wichtige Bezugspunkte dar. Auch die Person und das Werk von Joseph Beuys forderten Kippenberger immer wieder heraus. Zum Beispiel: Das Gemälde "Die Mutter von Joseph Beuys" aus dem "Familie Hunger"-Kontext, mit dem Kippenberger den Künstlermythos des sich selbst erschaffenden Genies ad absurdum führt und eine satte, pseudo-expressive Malerei zur grauen alten Dame der Kunst stilisiert.

kunstaspekte: Ist Kippenbergers Werk insgesamt als postmodern zu verstehen, oder greift dieser Begriff für die singuläre Erscheinung "Kippenberger" zu kurz?

Doris Krystof: Kippenberger hat sich selbst einmal (wie so oft seiner eigenen Rezeption vorausgreifend) als die perfekte Verkörperung der 80er Jahre bezeichnet, insofern, und auch im Hinblick auf das elaborierte Spiel mit den selbstauferlegten Rollen vom Museumsdirektor bis zum Betreiber eines U-Bahnnetzes, passt irgendwie das Etikett "postmodern". Es wäre allerdings zu präzisieren, was darunter alles noch zu verstehen ist.

kunstaspekte: Konkret zur Düsseldorfer Präsentation im K 21: Welche Überlegungen führten über Fragen der Raumgrößen und des Platzbedarfs hinaus dazu, das Hauptwerk "The Happy End of Franz Kafka´s ´Amerika´" im hallenartigen Foyer zu präsentieren? Spielen hier die Eigenschaften des Foyerraums und der Arbeit in besonderer Weise ineinander?

Doris Krystof: Mit der effektvollen Platzierung der "Kafka"-Installation auf der so genannten Piazza von K21 wurde einerseits, wie oben beschrieben, das zentrale Stück der Ausstellung hervorgehoben und in ein besonderes Licht gesetzt. Daraus ergab sich, dass im Untergeschoss viel Platz vorhanden war, so dass der Raum nahezu komplett von temporären Einbauten befreit und eine offene, ´luftige´ Ausstellungssituation errichtet werden konnte. Daraus resultiert die Möglichkeit, dass auf einen Blick die Bezüge zwischen den Motiven klar werden. Das Zirkulieren der Themen und Formen, das Kippenberger so virtuos betrieben hat, die künstlerischen Ideen und Strategien werden dadurch ersichtlich. Dabei ergeben sich immer wieder neue Lesarten und Bedeutungen: Sinnproduktion erscheint als unabschließbarer Prozess. Dieser niemals endende Akt des Vermittelns und Kommunizierens, das ist sicherlich der Kern von Kippenbergers Ansatz, den die Ausstellung, ausgehend von der "Kafka"-Installation, vermitteln möchte.

Martin Kippenberger - Informationsseite in kunstaspekte art aspects

Martin Kippenberger - Ausstellungsseite K21, 2006

Martin Kippenberger - Ausstellungsseite Tate Modern 2006