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April bis Juli 2021

Olafur Eliasson — «Life»

Mit Life arbeite ich aktiv daran, einen Raum der Koexistenz zwischen allen zu schaffen, die Teil der Ausstellung sind, und jenen, die von ihr angesprochen werden – der Kunstinstitution, meinem Kunstwerk, den Besuchenden, anderen Wesen, die daran teilhaben, den Bäumen und anderen Pflanzen im Park, der Stadtlandschaft, die das Museum umgibt und darüber hinaus. Indem wir gemeinsam die Welt erforschen, die wir miteinander teilen, können wir sie, so hoffe ich, für alle Spezies lebenswert machen.
Olafur Eliasson

Life erweckt den Eindruck, als hätte die Natur die Fondation Beyeler übernommen, doch gleichzeitig wird deutlich, dass die Ausstellung Erfahrungen bietet, die zutiefst gestaltet sind. Olafur Eliasson betrachtet das Kunstwerk als Natur-Kultur-Landschaft für menschliche und nicht-menschliche Lebewesen gleichermassen.

Die Besuchenden sind eingeladen, sich innerhalb einer erweiterten Landschaft zu erfahren, nie allein, nie völlig getrennt, sondern als vielschichtige Wesen, die stets in grössere, unbändige Ökologien eingebunden sind. Das Kunstwerk erinnert an einen beschaulichen Garten und existiert gleichwohl in unserem globalen Jetzt, das nicht zuletzt durch den Klimanotstand bestimmt wird.

Die Institution, die Besuchenden und andere Lebensformen werden in einem Raum des unmittelbaren Miteinanders vereint. Life lässt die Grenzen zwischen aussen und innen, Museum und Kunstwerk verschwimmen – ein Effekt, der soweit ging, auch Eliassons Wunsch danach, das Museum Tag und Nacht geöffnet zu halten, zu verwirklichen.

Das Wasser dehnt sich über die ganzen Ausstellung aus, verbindet den Innenraum mit dem Teich im Freien und erschafft eine durchgehende Wasserlandschaft. Auf der Wasseroberfläche entfaltet sich je nach Lichtverhältnissen und Witterung ein Spektrum an Reflexionen, die den umgebenden Raum und die Besuchenden miteinbeziehen und sie zu Koproduzierenden des Kunstwerks machen.

Der Teich im Garten des Museums ist mit den Innenräumen der Ausstellung zu einer durchgehenden Wasserlandschaft verbunden. Eine Vielzahl von Pflanzen, die alle im flachen Wasser gedeihen, bevölkern die Oberfläche des Teiches: Schwimmfarn, Zwergseerose, Muschelblume, Rotwurzler und Wassernuss.

Einige Wasserpflanzen waren bereits fester Bestandteil des ursprünglichen Teiches. Andere werden sich im Laufe der Ausstellung in diesem Lebensraum ansiedeln. Diese Eindringlinge treten in einen Dialog mit der bestehenden Flora des Museumsparks, den dortigen, zum Teil jahrhundertealten Bäumen, den Sträuchern und Gräsern. Das Ergebnis ist ein sich gegenseitig durchdringendes, in sich verflochtenes Wachstum.

Die Besuchenden bewegen sich auf Stegen aus dunklem Holz durch die Ausstellung, stets begleitet von den Umgebungsgeräuschen, etwa der Insekten, des Verkehrs und anderer Menschen, sowie umfangen von den Gerüchen der Pflanzen und des Wassers.

Den Besuchenden eröffnen sich Blickachsen in die umgebende Landschaft, einem öffentlich zugänglichen Garten, während sie sich auf mehreren möglichen Routen durch die Ausstellungsräume bewegen. Überall bietet sich die Gelegenheit zu entschleunigen, sich treiben und einen der auf subtile Weise unterschiedlich gestalteten Räume auf sich wirken zu lassen.

Das Kunstwerk lädt dazu ein, die Sinne zu aktiveren, es nicht nur mit den Augen zu erkunden – sondern durch die Gerüche der Pflanzen und des Wassers, die Geräusche der Umgebung und das Gefühl der Feuchtigkeit in der Luft das gesamte Sensorium zu aktivieren.

Zeitempfinden wird zu einem Teil des Kunstwerks. In Eliassons Worten ist die Ausstellung der Versuch, „Zeit zu öffnen“, ihre Gegenwart nicht als standardisierte Masseinheit, sondern als gelebte, gefühlte Empfindung spürbar zu machen, die untrennbar mit Erfahrung verknüpft ist.

Selbst wenn sich keine menschlichen Besuchende im Raum aufhalten, können andere Lebewesen – zum Beispiel Insekten oder Vögel – hindurchfliegen oder sich vorübergehend in ihm niederlassen. Gemeinsam und in Beziehung zu anderen nicht lebenden Dingen im Raum bilden diese unterschiedlichen Gäste ein fragiles Ökosystem, in dem menschliche wie nicht-menschliche Interventionen und Interaktionen im Laufe der Zeit Spuren hinterlassen.

Life ist als lebender Organismus einem ständigen Wandel unterworfen. Ausgeatmete Luft wird von anderen Lebewesen eingeatmet, und Licht wird von Pflanzen durch Fotosynthese in Sauerstoff umgewandelt.

Bei Life geht es um Konspiration – sowohl im Sinne der Wortherkunft von „miteinander atmen“ (lateinisch con-spiratio) als auch in der Bedeutung von „auf ein gemeinsames Ziel hin agieren“. Es geht darum, sich mit Anderen und mit dem Planeten zu verschwören. Die Erkenntnis, dass die komplexen Systeme der Erde miteinander verbunden sind, ist zugleich die Einladung, Erzählungen für die Zukunft zu entwickeln, in vollem Bewusstsein, dass der Mensch nicht die wichtigste Spezies auf diesem Planeten ist.

In den Ausstellungsräumen und im Garten sind Kameras installiert, die Perspektiven nicht-menschlicher Lebewesen einnehmen; etwa direkt über der Wasseroberfläche oder aber hoch oben in einem Baum.

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Olafur Eliasson liess sich hierfür von der Anthropologin Natasha Myers inspirieren, die an uns appelliert, unsere Sinne zu „vegetalisieren“, um das Potenzial der Beziehungen zwischen Pflanze und Mensch zu erschliessen.

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Wer hat dafür gesorgt, dass Tiere wie wie wir diesen Planeten bewohnen und auf ihm atmen können? Sage es laut: jene, die Fotosynthese betreiben. Fotosynthetische Organismen bilden eine biogeochemische Kraft von einer Grössenordnung, die wir noch längt nicht vollständig erfasst haben. Vor über zwei Milliarden Jahren trieben fotosynthetische Mikroben das Ereignis voran, das heute als die Sauerstoffkatastrophe beziehungsweise die grosse Oxidation bekannt ist.

Natasha Myers, Anthropologin

Dies geht auf ihren Vorschlag für eine Alternative zum Anthropozän zurück, der gegenwärtigen geologischen Epoche, die durch menschliche Aktivitäten definiert ist: Myers nennt diese neue Epoche „Planthropozän“. Ihre Ideen wurzeln in dem Wissen, dass Pflanzen es überhaupt möglich gemacht haben, dass dieser Planet bewohnbar ist.

Natasha Myers: „How to Grow Livable Worlds: Ten Not-so-easy steps“, in: Kerry Oliver Smith (Hrsg.): The World to Come. Art in the Age of the Anthropocene, Gainesville, Florida, 2018, S. 53–63.

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Obwohl Pflanzenwissenschaftler inzwischen in das pflanzliche Sensorium auf der Suche nach Beweisen für die Empfindungsfähigkeit von Pflanzen vordringen, gilt: Wir wissen noch nicht, was eine Pflanze will oder was eine Pflanze weiss. Nach wie vor müssen wir erst bessere Wege finden, um Pflanzen genauer, und zu ihren Bedingungen, kennenzulernen. […] Um dies zu tun, sollten wir vielleicht in Betracht ziehen, unser allzu menschliches Sensorium zu vegetalisieren, und lernen, uns mit den Pflanzen zu verbünden. Vielleicht ist das ein Weg zu einem Planeten, der sich dem öffnet, was Anna Tsing als ,kollaboratives Überleben‘ bezeichnet. Gelingt dies nicht, wird ihr Untergang mit Sicherheit auch unserer.

Natasha Myers, Anthropologin

Natasha Myers: „From the Anthropocene to the Planthroposcene: Designing Gardens for Plant/People Involution“, in: History and Anthropology, 28, 30, 2017, S. 297–301.

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Um zu überleben, benötigen wir Hilfe, und Hilfe bedeutet immer, den Dienst eines anderen, ob gewollt oder nicht, zu beanspruchen. Wenn ich mir den Knöchel verstauche, kann ein kräftiger Stock beim Gehen helfen, ich mache ihn mir gewissermaßen dienstbar. Ich bin nun eine Begegnung in Bewegung, Frau-und-Stock. Ich kann mir kaum eine Herausforderung vorstellen, mit der ich konfrontiert sein könnte, ohne dabei auf die Hilfe anderer, Menschen oder Nichtmenschen, zurückzugreifen. Dass uns – wider alles bessere Wissen – die Fantasie vorgaukelt, jeder für sich und allein überleben zu können, ist nur Ausdruck eines uns nicht bewussten Privilegs. Um zu überleben, brauchen wir Hilfe, und Hilfe steht immer im Dienst anderer, mit oder ohne Absichten.

Anna Tsing, Anthropologin

Anna Tsing: Der Pilz am Ende der Welt, Berlin 2018.

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Lungen

Ich werde sie nie sehen, diese lichtlosen Räume.
Dein Atem, der aus verborgenen Becken emporsprudelt.
Überwölbte Hallen. Ich stelle sie mir vor,
Ballen aus Pollen, gestapelt an den Seiten,
oder Leichentücher aus Staub, in Säcken verpackt und aufgehängt
wie stoffumwickelte Kronleuchter,
Lungenentzündung, Asthma, Krupp: Mitbewohner,
die jahrelang mit dir gelebt haben,
Kratzspuren an deinen Wänden.

Pireeni Sundaralingam

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… denn es sind nicht nur andere Menschenleben, sondern auch andere empfindungsfähige Wesen, Umgebungen und Infrastrukturen: Wir sind von ihnen abhängig und sie wiederum von uns, um eine lebenswerte Welt aufrechtzuerhalten.

Judith Butler

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Das Leben auf der Erde hatte schon mindestens drei Milliarden Jahre überstanden, bevor [es Menschen gab] … Wir müssen ehrlich sein. Wir müssen uns von unserer artspezifischen Arroganz befreien. Es gibt keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass wir jene einzigartige, ‚auserwählte‘ Spezies sind, für die alle anderen gemacht wurden. Und wir sind auch nicht die wichtigste Spezies, nur weil wir so zahlreich, mächtig und gefährlich sind. Unsere hartnäckige Illusion von einer besonderen göttlichen Fügung steht im völligen Widerspruch zu unserer wahren Stellung als aufrecht gehende, kümmerliche Säugetiere.

Lynn Margulis, Biologin und Evolutionstheoretikerin

Lynn Margulis, Der symbiotische Planet, Frankfurt/Main 2018, zitiert nach: Olafur Eliasson: Symbiotic Seeing, Ausstellungskatalog Kunsthaus Zürich, Zürich/Köln, 2020, S. 122–123.

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Vögel, wohlgemerkt, verfügen über eine andere Dimension von Farbe. Es ist nicht nur so, dass sie mehr Farben sehen, […] es ist auch nicht so, dass sie Farben besser sehen. Ihr Farbraum an sich ist für uns unvorstellbar. Dies ist ein Beispiel, wie sich der Strom der Lebewesen auf andere Weise zeichnen lassen könnte. Es schreibt ihnen eine Welt zu, die wir zwar teilen, doch zugleich lässt sich nicht sagen, dass ihre die wahre und unsere die falsche wäre oder umgekehrt. Tatsächlich haben wir es mit einem Multiversum zu tun. Das ist meiner Meinung nach eines der faszinierendsten Konzepte. Wenn Sie auf der Strasse spazieren gehen und Tauben und Hunde und Kinder sehen, wissen Sie, dass alle eine andere Sichtweise haben. Das Farb-Raum-Erlebnis der Hunde jedenfalls ist ein sehr einfaches, sie sind Dichromaten, wir sind Trichromaten, und Vögel vermutlich sogar Pentachromaten. Dennoch spazieren wir alle hier am Kanal entlang und teilen etwas, das man eine gemeinsame Basis nennen könnte, doch diese gemeinsame Basis ist nicht vordefiniert. Jeder von uns hat sich letztlich eine eigene Welt gemacht. Es handelt sich um eine Multiversalität.

Francisco Varela, Biologe, Neurowissenschaftler und Philosoph

Transkript des Films Art Meets Science and Spirituality in a Changing Economy (1990), erstellt von Louwrien Wijers.

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Du bist nicht unbemerkt, nicht allein. Tausend Milliarden Leben erblühen in deiner Gestalt, dem Universum der DNA, die du in dir trägst, nur 10% menschlich … Pireeni Sundaralingam