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17. September – Anfang November 2021

Danh Vō (21. November 2020 – 7. Februar 2021)

„Um die Gegenwart untersuchen zu können, muss man die Vergangenheit verstehen:jene Vergangenheit, die die eigene Gegenwart bestimmt. Ich glaube auch, dass manin die Zukunft schauen muss. Das ist zweifellos eine Lebensphilosophie, mitder ich lebe und die, wie ich hoffe, in meiner Arbeit zum Ausdruck kommt.“
(DanhVō, Begleitheft zur Ausstellunguntitled in der South London Gallery, 2019)

In seinen konzeptuellen Arbeiten und Installationen greift DanhVōhäufig auf persönliche Lebenserfah-rungen oder -bezüge (die eigenen wie die der engeren Familie) zurück, um umfassendere historische,soziale oder politische Themen zu untersuchen. Insbesondere Ereignisse, Entwicklungen und Personen,die einen Bezug zur Geschichte Vietnams im späten 20. Jahrhundert aufweisen, interessieren denKünstler, der in Vietnam geboren wurde und in Dänemark aufgewachsen ist. Der Stellenwert, der demZufall in Vōs künstlerischer Praxis zukommt, spiegelt gewissermaßen die Umstände jenereinschneidenden Wendung im Leben seiner Familie – die Flucht und die Beliebigkeit des neuenLebensraums – wider.

Das Ausstellen von Objekten nach dem Ready-Made-Prinzip ist eine charakteristische künstlerischeStrategie vonVō: Dokumente, Fotografien, gefundene Objekte (von historischer oder emotionalerBedeutung) und von seinem Vater kunstvoll kalligrafierte Textfragmente sind Elemente seinerInstallationen; er integriert aber ebenso Werke anderer KünstlerInnen. Anhand von Artefakten, diesymbolisch oder emotional aufgeladen sind und die individuelle wie kollektive Sehnsucht oder Trauer speichern, untersucht er, wie sich die Bedeutung mit dem jeweiligen Kontext ändert. Er befasst sich mitFragen von Identität und Zugehörigkeit, des Rechtsstatus, mit Eigentum und der Rolle von persönlichenBeziehungen und untersucht die Machtstrukturen hinter liberalen Gesellschaften und die Fragilitätunserer nationalstaatlichen Vorstellungen.

Manche Objekte lässtVōals Ready-mades unverändert, andere werden auseinander genommen undneu zusammengefügt oder bilden mit Fremdkörpern erstaunliche Hybride. Ab 2015 schuf er Skulpturen,indem er Fragmente von römischen Marmorstatuen mit Scheiben mittelalterlicher Holzmadonnenzusammenfügte: Diese willkürliche Verbindung von Artefakten unterschiedlicher Zivilisationen undReligionen ist hier zugleich Aneignungsakt und kritische Resonanz kolonialen kulturellen Vandalismus. Fragmentierung und Neugestaltung spielt auch in Vōs wohl bekanntestem Werk, We the People (2011-–2016), eine wichtige Rolle. Die Replik der Freiheitsstatue von Frédéric-Auguste Bartholdi, die in Chinahergestellt wurde, besteht aus etwa 300 einzelnen Kupferstücken im Maßstab 1:1. Ordnungsgemäß zusammengestellt würden sie eine Kopie der New Yorker Landmarke in voller Größe bilden; stattdessensollen die Einzelteile jedoch auf der ganzen Welt verteilt werden.

Vōs rätselhaftes und poetisches Werk vermeidet geschickt jede Didaktik. Seine Rolle als Künstler sieht er nicht allein im Herstellen von Originalobjekten; vielmehr ist er zugleich Kurator, Sammler,Ausstellungsdesigner, Fotograf, Historiker, Archivar und Scout auf Auktionen.

DanhVō, geboren 1975 in Bà Rịa, Vietnam, lebt in Berlin und Mexico City.