12. Mar 2005

Einige Bemerkungen von Lothar Frangenberg zur Ausstellung Gerhard Richter in der Kunstsammlung Nordrhein Westfalen, Düsseldorf

- Der Aufbau der Ausstellung kommt der Bewegung des "Flaneurs" mit seinen ständig schweifenden Blicken entgegen: sie wird durch das Prinzip der hier angewandten Kontrastierung innerhalb der Hängung und der Räumlichkeiten unterstützt.

- Die Ausstellung beginnt mit den kleineren, niedrigen Raumfluchten im zweiten Obergeschoss. Sie sind überwiegend – bis auf die thematische Gruppe der Landschaftsbilder – mit den "unfarbigen", in grauen Tonigkeiten angelegten Bildern bestückt. Im harten Gegenüber wird anschließend der Blick in den Amerikanersaal geöffnet. Dort präsentieren sich, bis auf wenige Ausnahmen, geradezu in einem "Fest der Sinne", größere stark farbige "abstrakte" Arbeiten. Der Saal für Wechselausstellungen im Erdgeschoss schließt den Rundgang ab. Das Prinzip der Kontrastierung wird hier, die überhohe Räumlichkeit überspielend, direkt angewandt. Das gewählte Nebeneinander und Gegenüber von sehr Großem und sehr Kleinem, von Abstraktem oder thematisch Identifizierbarem, von hoch und niedrig Hängendem, lässt die Blicke des Betrachters ständig durch den Raum "reflektieren". Er wird von diesen Blicken förmlich ausgemessen und proportioniert. Das Spannungsmoment zwischen Werkgruppe und Architektur wird dadurch reduziert. Ergänzend stößt der Besucher in fast allen Ausstellungsbereichen auf Arbeiten, die filterartig das Thema der spiegelnd abweisenden oder spiegelnd transparenten Flächen in Form von Glasstapeln oder grau hinterlegten Scheiben wiederholen. Sie werden damit inflationär, und als "Geste" entleert.

- Hätte die unbestreitbar hohe, und oft erschreckend gleichmäßige, Qualität der Arbeiten Richters nicht einer anderen Präsentation bedurft? Einer Präsentation, die die opulent vorgeführte Vielfalt und Fülle der Arbeiten unterläuft und dem Schweifen des Besucherblickes mehr Widerstand entgegensetzt? So ist die Ausstellung in der Gefahr, die Möglichkeit zu verfehlen, die eigentliche Qualität einer unauflösbaren Diskrepanz zwischen Anschaulichkeit und Unanschaulichkeit, die Richters Werk gerade auszeichnet, selbst "anschaulich" zu machen. Dieses Moment macht die Inszenierung der Ausstellung eher unsichtbar.

- Warum darauf beharren? Eben deshalb, weil der Charakter der Bilder sehr stark vom Verhältnis "Bildfläche oder Bildhaut zur Wand" geprägt ist, und nicht etwa vom Verhältnis "Figur zum Grund oder Bildraum". Richters Bilder fungieren nicht als Fenster in ihre eigene Welt, sondern thematisieren deutlich ihr bestimmendes Moment, als dünne Bildhäute gegen eine Außenwelt gerichtet zu sein, in der sie als "Gegenstände" erscheinen. Darin liegt ihr eigentlicher "Illusionismus". Je selbstverständlicher, aber gleichzeitig auch unnahbarer sie dabei erscheinen, desto spannender sind sie. Eben deshalb ist die Frage ihrer Präsentation in deren Verhältnis zum Umraum, zur Architektur, so wichtig. Sie entscheidet über die Wahrnehmung dieser präzisen Schärfe des malerischen Konzeptes von Gerhard Richter.

- Richters Überlegungen und seine Auswahlkriterien zur Bilderstellung werden im Bild selber immer wieder auf ihre Darstellbarkeit hin untersucht, auf die Chance, sie in den Raum unserer Wahrnehmungen zu überführen. Dies geschieht bei Richter selbstverständlich unter der Voraussetzung einer bestimmten ästhetischen Perspektive, der Malerei, mit all ihren Traditionen und Gebundenheiten. Hier ist er als Künstler Traditionalist. Er benutzt alle Möglichkeiten des Handwerks und der damit verbundenen Erzeugung von "Illusionen", selbst die, dessen Spuren zu "verwischen". Er beschäftigt sich mit den Charakteristika jeder Art von Malerei. Ihr wohnt der Aspekt der Nachahmung prinzipiell inne. Deshalb ist es auch wenig sinnvoll, in seinen Werken nach Brüchen und Sprüngen zu suchen. Der Wechsel in der Erscheinungsweise der Bilder und Werkgruppen, nicht in der zugrunde liegenden konzeptionellen Grundhaltung, ist folgerichtig.

- Wenn sie gelingen, liegt die Stärke der Bilder Richters in einer nicht hintergehbaren Allgemeingültigkeit ihrer Präsenz, die sie wie selbstverständlich als Phänomene unseres Wahrnehmungshorizontes erscheinen lassen – in ihrer Nähe oder Ferne gleichsam parallel zu anderen Erscheinungen unserer "Außenwelt" anwesend. Wenn sie schwächer sind, bleibt ihre elegante Leere.

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Ausstellungsseite in kunstaspekte: Gerhard Richter, Kunstsammlung Nordrhein Westfalen, 12.02.2005 - 16.05.2005