15. Dec 2005

Ein Email-Interview zwischen Anny und Sibel Öztürk und kunstaspekte anlässlich ihres Ausstellungsprojektes "Lido" in der Kunsthalle Düsseldorf. Das Interview fand im Nov./Dez. 2005 statt. Die Fragen stellte Lothar Frangenberg für kunstaspekte:

kunstaspekte: Die Ausstellungsinszenierung leitet mit einem räumlich kleineren Entrée mit deutsch-türkischen Kindheitserinnerungen ein, z.B. in Form von tagebuchartigen Zeichnungen und Texten. Durch einen Zugang gelangt man in ein räumlich großzügiges, begehbares Environment als ein mit nahezu allen Sinnen (optisch, haptisch, hör- und riechbar) direkt erfahrbares "Destillat" dieser Erinnerungen. Diese (scheinbar) unmittelbare Sinnlichkeit zeigt sich aber in grob gezimmertem bzw. künstlich arrangiertem Kleid in einem "White-Cube" innerhalb der Kunsthalle, dessen räumliche Struktur mit kühlerem Licht im Ausstellungsbetrieb erfahrbar bleibt. Die Inszenierung baut sich auf und entlarvt sich gleichzeitig in ihrer Künstlichkeit als eine Art "Gaukelei": Wo sehen Sie für sich die Naht zwischen Authentizität und Konstruktion der möglichen Erinnerungsbilder? Sind es mehr als nur "Erfahrungssubstitute"? Wie inszeniert oder gebrochen wollen Sie es verstanden wissen?

A. und S. Öztürk: Wir vertrauen keiner unmittelbaren Sinnlichkeit, einer scheinbaren schon gar nicht. Das Grobgezimmerte ist da schon eher unser Metier. Und Inszenierungen bauen sich leider nie selbst auf, sondern machen sehr viel Arbeit. Lido eröffnet sich zunächst einmal als Text, der eine Verkettung als individuell vorgestellter Erinnerungsbilder zeigt. Diese Bilder werden im ersten Raum in einen größeren Zusammenhang eingebunden. Wir erzählen persönliche Erinnerungen in der Form von Geschichten. Es gibt ein erzählerisches Ich, das spricht, und es gibt Zeichnungen und Installationen, die das Erzählte zu illustrieren scheinen. Für die BetrachterInnen ist nicht überprüfbar, ob es sich hier um reale, individuelle Erfahrungen handelt oder um fiktive Erzählungsinhalte. Was sich für die BetrachterInnen erschließt, ist die beharrliche Aufrechterhaltung des subjektiven Erzählungsstils aus der „Ich“-Perspektive. Alle unsere „Bilder“ haben damit die Offenheit des fiktiv Erzählerischen und damit keine Not, als Substrate auftreten zu müssen. Überhaupt, „Erfahrungssubstitute“ das sind böse Sachen, etwa wie zu rot gefärbter Lachsersatz! Wir glauben nicht, dass man Erfahrungen substituieren kann, ebenso wenig wie die Vorstellung von Erinnerungssurrogaten Sinn machen würde. Die als Text abgefasste Erzählung im ersten Raum eröffnet den imaginären Raum, den die Installation „Lido“ bereitstellt. Hier geht es nicht um Gaukelei. Wir haben soviel geboten, wie es braucht, einen unbestimmten Ort zu bezeichnen, denn Orten der Erinnerung haftet immer etwas Unbestimmtes an! Wir haben uns aber keinesfalls im Realismus eines Filmsets versucht, das wäre Kitsch. Wir haben Zeichen gesetzt, um eine bestimmte Atmosphäre erahnbar, imaginierbar, fühlbar werden zu lassen. Es sind Andeutungen, die da, wo sie zu Ausführungen werden, mit viel Ironie in Szene gesetzt werden. Das ist die Kategorie des „Fill in with your own imagination!". Hier sind die BesucherInnen aufgefordert, die ausgelegten Fäden in einem Spiel zwischen dem call and response von Erzählungstext, visuellen, akustischen, haptischen und geruchlichen Wahrnehmungen weiterzuspinnen und mit eigenen Erinnerungen und Assoziationen zu füllen.

_kunstaspekte: _Wofür steht der Entwurf eines wie rückwärtsgewandt wirkenden Blickes voller Erinnerungsfragmente in eine heil erscheinende Kinderwelt noch? Wieweit ist er auf Individualität, wieweit in Richtung auf ein uns allen gemeinsames Reservoir von Erinnerungsbildern angelegt?

A. und S. Öztürk: Wir glauben nicht, dass wir je von einer heilen Welt berichtet hätten. Wir haben unsere Geschichten erzählt. Indem wir Geschichten erzählen, öffnen wir unsere individuellen Erfahrungen und Erinnerungen der Verallgemeinerung. Es sind Momentaufnahmen, Schnappschüsse und damit sind sie für jedermann offen. Da kann man doppelte tauschen oder das Fehlende in die eigene Erinnerungssammlung einreihen. Von unserer Installation „Rear Window (story no. 6)“, die derzeit im Rahmen der Ausstellung "Projekt Migration" im Kölnischen Kunstverein zu sehen ist, ist gesagt worden, sie ermögliche das wiedererkennende Erleben einer Erinnerung, die man nie gehabt habe. Das ist ein großes Kompliment, wie wir finden. Und es zeigt, dass wir auf ein kreatives Publikum stoßen (können).

_kunstaspekte: _Wie bewusst klammern Sie erinnerte Erfahrungen auch aus? Könnten Kritiker Ihnen nicht vorwerfen, in der Art der Auswahl und Präsentation ein "Kindheitserinnerungsdesign" vorzuführen?

A. und S. Öztürk: „Kindheitserinnerungsdesign“ klingt nach unglückseliger stromlinienförmiger Flachware. Wir glauben kaum, dass wir da Gefahr laufen… Wir hatten bei anderer Gelegenheit, etwa bei der Ausstellung „Was ist deutsch? – Ich geriet bei dieser Frage in immer größere Verwirrung“ in Bayreuth, auch die Gelegenheit, einmal über negative Erfahrungen zu berichten. Wir arbeiten also keinesfalls mit dem Mittel einer etwaigen Erinnerungsverschönerungszensur!

_kunstaspekte: _Ist die inszenierte Räumlichkeit schon das "fertige" Gesamtereignis, bzw. inwieweit gehören die über die Ausstellungsdauer ablaufenden Veranstaltungen "unmittelbar" zum Konzept der Installation? Ergänzend: Wird diese erst im zeitlichen Ablauf der Ausstellung mit den unterschiedlichen Veranstaltungen zu einem gemeinsamen Erfahrungsraum- und Kommunikationsraum?

A. und S. Öztürk: Die Frage klingt so, als ob unsere „inszenierte Räumlichkeit“ nicht für das satte Erleben reicht. Da möchten wir widersprechen. Die Installation genügt erst einmal vollkommen sich selbst, so wollen wir hoffen. Und das sowohl als Erfahrungs- als auch als Kommunikationsraum. Die Veranstaltungen sind ein zusätzliches Angebot: von der Soundperformance über ein ausgesuchtes internationales Videoprogramm mit prominenten Beiträgen, türkischen Süßspeisen als Kochhappening nebst Live-Musik oder einer Diskussionsveranstaltung. Das Spektrum war also breit gefächert und das Publikum dementsprechend ausgesucht! Gebraucht haben diese Veranstaltungen unser Publikum und wir. Unsere Installation kam dabei, soweit wir das beurteilen konnten, in all der veranstaltungsfreien Zeit ganz prima ohne uns aus.

_kunstaspekte: _Wie ist die bisherige Erfahrung mit dem Verlauf der Ausstellung: Werden Ihre eigenen Erwartungen in Bezug auf Resonanz und Austausch aus und mit dem Publikum erfüllt? Was soll der Besucher mitnehmen?

A. und S. Öztürk: Wenn BetrachterInnen bereit waren, sich auf unsere Erzählungen einzulassen und den "Lido" als Ort zu genießen, dann war das Projekt ein voller Erfolg. Wir können Erinnerungen mitteilen und Vorraussetzungen für Erfahrungen schaffen. Diese sind dann nicht teilbar, sondern werden individuell erlebt und in Gemeinsamkeiten mit-teil-bar. Damit lassen sich in diesem Aufeinandereinlassen Vereinbarkeiten schaffen. Wenn das gelingt, ist das eine schöne Sache und gleichzeitig etwas Kunstvolles, das heißt, etwas mittels der Kunst Geschaffenes. And to be with art is all we ask!

kunstaspekte: Wie gut fühlen Sie sich mit Ihrer Ausstellung innerhalb des Kulturprojektes "Der Neue Orient" aufgehoben? Verstehen Sie sich dabei als "Wanderinnen zwischen den Welten"? Spielen für Sie Erfahrungen des Trennenden, des Problematischen, des Feindseligen eine wichtige Rolle? Darüber hinaus: Gibt es für Sie eine "bewusst" politische Dimension in Ihrer Arbeit?

A. und S. Öztürk: So im Allgemeinen fühlen wir uns eigentlich ganz gut aufgehoben. Selbst im „Neuen Orient“. Das klingt doch wie ein Versprechen? Den Orient, eine der erfolgreichsten Kulturregionen noch einmal ganz neu zu machen, und das wir? Unser Orient, so zwischen Eberbach, Offenbach und Istanbul bietet viel Raum für ausgedehnte Wanderungen zwischen den kulturellen Welten, und insofern haben wir einiges dazu zu sagen, so glauben und so zeigen wir es. Wir sind deutsch genug, um uns auf der richtigen Seite zu wähnen und türkisch genug, um darüber lachen zu können. Kunst hat immer eine politische Funktion, und den geneigten BetrachterInnen wird sich unsere Einstellung kaum verbergen!


Wir danken Anny und Sibel Öztürk für das Interview.

Anny & Sibel Öztürk

Lido, Ausstellung in der Kunsthalle Düsseldorf 2005