12. Apr 2006

Gleichzeitig in Afrika… 
Ausstellung und Symposium

Erfahrungsbericht von Christian Hanussek, Berlin, zum Ausstellungs- und Veranstaltungsprojekt "Gleichzeitig in Afrika…", das er als Kurator betreute. Seit dem Jahr 2000 erscheinen von Christian Hanussek Artikel zur Kunst aus Afrika, unter anderem in "Texte Zur Kunst", "NKA Journal for Contemporary African Art", "Third Text" und "springerin".

Die Vorgeschichte

Meine direkte Auseinandersetzung mit Künstlern in Afrika beginnt im Januar 2000, als ich am Goethe Institut in Yaoundé, Kamerun einen Workshop zum Thema künstlerische Theorie und Praxis leitete.

Ich hatte dazu einen Vortrag vorbereitet, der meine Fragen an die dortige Kunstszene formulierte: In welchem Raum organisiert sich Kunst in Kamerun und welche spezifischen Perspektiven ergeben sich in und aus diesem Raum? Ich nahm an, dass er sich von den Räumen der "westlichen Welt", ihren Kunstinstitutionen und "White Cubes" unterscheidet. In meiner eigenen Arbeit hatte ich versucht, die Grenzen dieser Räume in Frage zu stellen, und suchte nach Modellen.

Was ich in Kamerun vorfand, war eine sehr lebendige junge Kunstszene, die sich unabhängig von Institutionen gebildet hatte. In Kamerun gibt es keine öffentlichen Kunstinstitutionen, mit denen diese Szene zusammenarbeiten könnte. Sie organisiert sich in verschiedenen Künstlergruppen, Kunstinitiativen und vor allem in dem privaten Kunstverein "Doual’art". Die Öffentlichkeit, die sie adressiert, ist hauptsächlich die auf der Straße. Das Publikum begegnet der Kunst nicht in einem für sie abgegrenzten Bereich, sondern wird recht unmittelbar im Alltag mit ihr konfrontiert. Das bedeutet für die Künstler, dass sie sich auf diese Konfrontation einlassen und in diesem Sinn eine politische Position beziehen müssen.

Diskussionen um afrikanische Kunst werden notorisch um die fundamentalen Fragen herum geführt, wie sie sich definiere und ob es sie überhaupt gäbe. Diese Fragestellungen müssen vor dem Hintergrund gesehen werden, dass afrikanische Kultur seit langem von außerhalb des Kontinents definiert und interpretiert wird. Das beginnt mit dem im Rahmen der kolonialen Unterwerfung gezeichneten Bildes von Afrika als "geschichtslosem Kontinent" (Hegels Geschichtsphilosophie) und den durch die Ethnologie erforschten "Stammeskulturen". Die Fremdbestimmung findet ihre Fortsetzung in den außerhalb des Kontinents entwickelten Unabhängigkeits- und Freiheitsbewegungen, wie "Panafrikanismus" und "Négritude", bis zu den heutigen Großausstellungen afrikanischer Kunst, die in Afrika nicht einmal gezeigt werden.

Als ich vor etwa drei Jahren von der Bundeszentrale für politische Bildung angefragt wurde, ein Konzept für eine Präsentation afrikanischer Kunst in Deutschland vorzuschlagen, wollte ich mich klar von dem Prinzip konventioneller Afrika-Ausstellungen abgrenzen, bei denen einzelne Werke afrikanischer Künstler/innen danach ausgewählt werden, ob sie für ein westliches Publikum interessant sein könnten. Die Definition "afrikanisch" der Künstler/innen wird dabei wie ein Label gehandelt, bei dem meist nicht differenziert wird, wo sie leben und wo sie künstlerisch geprägt wurden. Selten wird auf die Problematik einer solchen Ideologie hingewiesen, die afrikanische Identität nach Hautfarbe und/oder "Blut" definiert.   Mein Ansatz für das Projekt "Gleichzeitig in Afrika..." war, Afrika einfach als eine geographische Einheit zu betrachten und die Künstler/innen, die auf dem Kontinent arbeiten, mit ihren Projekten vorzustellen. Projekte, die von außerhalb, z.B. durch ausländische (nichtafrikanische) Kulturinstitute, initiiert waren, habe ich ausgeschlossen, nicht aber solche, an denen auch Künstler/innen aus anderen Teilen der Welt beteiligt waren, oder die sich eine Finanzierung von außen besorgt hatten.

Das Projekt "Gleichzeitig in Afrika..."

  

Als Kern des Projektes hatte ich eine dokumentarische Ausstellung zu 11 Künstlergruppen bzw. Kunstprojekten und 4 Kunstzeitschriften aus Afrika mit Interviews, Videos, Texten und Fotos zusammengestellt, die im Juni 2005 in der Akademie der Bildenden Künste, Nürnberg, und im Januar 2006 in der Universität der Künste, Berlin, gezeigt wurde. Ihr Ziel war es, Einblick in die Produktions- und Rezeptionsbedingungen von Kunst in Afrika zu geben. Parallel wurden begleitende Seminare, z.B. in Nürnberg und Bayreuth, angeboten, die einen Überblick über die Geschichte moderner Kunst in Afrika gaben.   



Ich habe auch einige der vorgestellten Künstler/innen eingeladen, aktuelle Arbeiten in Deutschland zu präsentieren und ihre zu Hause realisierten Projekte zu erläutern:
Das Fotografenkollektiv DOF (depth of field) aus Lagos, Nigeria, hat ein Portrait der Stadt Nürnberg erarbeitet, das in der dortigen Stadtbibliothek ausgestellt war.
Die ägyptische Künstlerin Hala Elkoussy hielt einen Vortrag über die Kunstszene in Kairo und zeigte ihre aktuelle Videoinstallation "Peripheral" in der AdBK Nürnberg, dem Iwalewa Haus, Bayreuth, und dem Einstein Forum in Potsdam.
Dominique Zinkpè aus Benin stellte Installationen zu seinem fortlaufenden "Taxi" Projekt im Iwalewa Haus, Bayreuth aus und berichtete über andere von ihm initiierte Projekte, wie dem seit 1997 in Cotonou stattfindenden Kunstfestival "Boulv’art".  



Im Mittelpunkt der Präsentation von "Gleichzeitig in Afrika..." in Berlin stand das vom Einstein Forum, Potsdam, in der UdK am 20. Januar 2006 veranstaltete internationale Symposium. Am Vormittag präsentierten Goddy Leye aus Douala und Kan-si aus Dakar einige ihrer Kunstprojekte und diskutierten unter der Leitung von Iolanda Pensa, Autorin und Kuratorin aus Mailand. Die Gesprächsrunde am Nachmittag mit den beiden Zeitschriften- Herausgebern Kunle Tejuoso, Glendora Review aus Lagos, und Ntone Edjabe, Chimurenga aus Kapstadt, leitete Roger M. Buergel, künstlerischer Leiter der Documenta 12.  



Am 21. Januar wurde im Deutschlandhaus Berlin eine Ausstellung mit der Videoinstallation "We are the World" von Goddy Leye, der Text–/Videoinstallation "Lu et approuvé" von Kan-si und den "Taxis Zinkpè" eröffnet.
Am Abend präsentierte Kunle Tejuoso sein neues Buch über Lagos und Ntone Edjebe die aktuelle Nummer der "Chimurenga" mit dem Titel "We are all Nigeran" in der //plattform// und zur abschließenden Party legte DJ Ntone Afrobeats in der Bar 3 auf. 
   

Erfahrungen während der Umsetzung des Projektes

  

Für die Umsetzung des Projektes musste ich Partnerinstitutionen finden, die die Präsentation der einzelnen Ausstellungen übernahmen. Ich wollte dabei eher nicht die wenigen Orte, in denen Kunst aus Afrika regelmäßig ausgestellt wird, für eine Kooperation gewinnen, sondern solche, in denen aktuelle "West"- Kunst gezeigt wird, z.B. Kunsthallen, Kunstvereine oder kommunale Galerien. Das erwies sich als ziemlich schwierig. Es manifestierte sich eine große Skepsis, nicht nur gegenüber den von mir vorgeschlagenen Künstlern (der Qualität ihrer Arbeit), sondern vor allem gegenüber meinem Konzept, die Präsentation dieser Arbeiten auch in eine Dokumentation des Kontextes, in dem die Künstler in Afrika arbeiten, einzubinden. Immer wieder wurde mir entgegengehalten, die Kunst könne und müsse für sich selbst sprechen. Die gleichzeitige Betrachtung der Arbeiten, die in Afrika entstanden, und derjenigen, die für Europa produziert wurden, sollte aber die fundamentalen Unterschiede der Räume, in denen sich die Kunst manifestiert, und die Art und Weise, wie das jeweilige Publikum adressiert wird, deutlich machen. In Zinkpès Taxis Projekt z.B. ging es dem Künstler bei den ersten, in Afrika realisierten Arbeiten darum, die Passanten auf der Straße mit einer Kunst zu konfrontieren, die ihre alltägliche Wirklichkeit thematisiert. Eine Transplantation dieser Objekte nach Europa würde sie tendenziell zu Exotismen reduzieren. Deshalb entwickelte Zinkpè für die in Europa realisierten Taxis andere Ansätze und Themen. Ich wollte auch diese Differenz darstellen, die eben nicht ohne weiteres im Werk evident ist.  



Die Arbeitsbedingungen afrikanischer Künstler können vor allem durch das Fehlen einer kulturellen Infrastruktur, wie sie sich in Europa durch Institutionen wie Museen und Akademien etabliert hat, charakterisiert werden. Das Fehlen solcher Institutionen hat entscheidende Auswirkungen, nicht nur für die praktische Organisation der Künstler, sondern auch für ihre inhaltliche Positionierung. Während des Symposiums wurde ganz besonders deutlich, dass der Aufbau einer Kunstplattform und die Entwicklung eines Kunst-Publikums in Afrika ein sehr viel lokaleres Unternehmen ist, als wir es uns im Westen vorstellen können. Das Fehlen von Kunst-Institutionen impliziert auch das Nichtvorhandensein eines allgemeingültigen Bezugs- und Wertesystems, in das die Kunst eingebettet ist. Im Westen wird jede/r Künstler/in und jede Kunstinitiative im Rahmen des Systems einer hierarchischen, globalen Kunstwelt verortet und bewertet, auch wenn er/sie sich noch so peripher oder institutionskritisch positioniert. Fällt dieses System weg, oder ist es so weit entfernt, dass es keine große Rolle spielt, muss die sich lokal konstituierende Kunstszene ihre eigenen Formen und Werte in einer Autonomie entwickeln, die für uns kaum vorstellbar ist.

  

Die Arbeiten des größten Teils der Künstler, die ich in meinem Projekt vorgestellt habe, sind international bereits recht präsent. Ich gehe davon aus, dass in Zukunft mehr Künstler der "Peripherie" in die Zirkulation der "Westkunst" aufgenommen werden. So tourte Hala Elkoussys "Peripheral" erfolgreich durch Biennalen und Festivals und läuft aktuell im Stedelijk Museum, Bureau Amsterdam.   



Im Westen ist allerdings durch die Abhängigkeit von privaten Finanzierungen und die Anforderungen der zeitgenössischen Kultur des Spektakels eine zunehmende Auflösung und Demontage der bürgerlichen Kunstinstitutionen zu beobachten, sodass auch hier die Künstler gefordert sein werden, sich eher nach dem Vorbild Afrikas in Plattformen zu organisieren, deren materielle und inhaltliche Autonomie weit über die der gegenwärtigen Kunstinitiativen hinausgehen wird.



Ergänzende Fragen von kunstaspekte: Die Fragen stellte Lothar Frangenberg für kunstaspekte. 
  

kunstaspekte: Gilt das, was Sie zu Afrika diagnostizieren, nicht für viele Kulturkreise dieser Welt? Fungiert Afrika hier als Beispiel für ein prinzipielles oder ein spezifisches Problem? Und: Ist "Afrika" nicht eine Fiktion unseres zentrierten Blickes, der kategorisierend viele Ethnien, Kulturen und Religionen insgesamt erfassen will?
   

Christian Hanussek: Selbstverständlich kann man einzelne Phänomene, die in Afrika auftreten auch anderswo finden. Ebenso sagt der Blick auf das „Fremde“ immer auch gleichzeitig etwas über das „Eigene.“ Wenn ich von Afrika spreche, dann immer zunächst als einer geographischen Einheit, einem Kontinent. Was daran spezifisch ist, kann erst dann benannt werden, wenn man ihn näher betrachtet hat und mit anderen Orten vergleicht, nicht vorab.
Wenn ich von einem Kontinent – Afrika – spreche, heißt das ja nicht, dass alle Orte, Ethnien usw. Gemeinsamkeiten haben. In Osteuropa gibt es auch Orte, die vielleicht mehr mit Mittelasien gemeinsam haben.
Fiktionen spielen – glaube ich – immer eine Rolle, aber wenn jemand behauptet, auf einem bestimmten Kontinent gäbe es kulturelle Charakteristika, ist das immer eine problematische Verallgemeinerung. Solche Verallgemeinerungen bergen die Gefahr, dass man sich täuscht oder gar lächerlich macht, aber vielleicht sollte man davor auch nicht allzu große Angst haben. Der Anspruch eines fiktionsfreien Blickes ist ja selbst hochgradig fiktional.
   Wenn ich solche Gemeinsamkeiten behauptet habe, dann weniger auf bestimmte Ethnien bezogen, sondern auf strukturelle ökonomische und politische Gemeinsamkeiten, wie zum Beispiel den beschriebenen Mangel oder das nicht Vorhandensein von Infrastruktur. Ebenso ist eine von außen auf den Kontinent gepresste Bestimmung nicht ohne Wirkung geblieben, die immer wiederholt hat, Afrika sei so und so. Es sind die klassischen Klischees wie z.B. unmittelbare Expressivität, die dann zum Teil von Afrikanern selbst adaptiert wurden. Sie ist als Ideologie zu einem Spezifikum Afrikas geworden, das von außen generiert wurde, aber nicht fiktional ist, auch wenn diese Bestimmungen selbst fiktional sind oder waren.   


_<i>kunstaspekte: _Sehen Sie im dortigen Umgang mit Kreativität, auch in Auseinandersetzung mit den westlichen Zivilisationen, ein Modell unserer möglichen, eigenen Zukunft, die u.U. nicht mehr von Reichtum und Luxus geprägt sein wird?&nbsp;&nbsp; </i>



Christian Hanussek: Normalerweise wird Afrika ja als ein Ort der Vergangenheit angesehen, der sich „entwickeln“ muss, doch bin ich wirklich der Meinung, dass dort auch Phänomene unserer Zukunft vorweg genommen werden. Eine spezifisch afrikanische Kreativität sehe ich nicht. &nbsp;

kunstaspekte: 
Die von Ihnen organisierten Ausstellungen finden auch nicht in Afrika statt. Geht es hier nicht immer darum, uns "westlichen" Betrachtern die KünstlerInnen näher zu bringen, sie in das globalisierte Kunstmarkt- und "Wahrnehmungsnetz" einzubeziehen, und so die Wirksamkeit ihrer Arbeiten über das "Lokalkolorit" hinaus zu erhöhen?&nbsp;&nbsp;



Christian Hanussek: Ich habe das Ganze „Gleichzeitig in Afrika...“ genannt und wollte damit eine Simultanität von Kunstszenen ausdrücken, die nicht wirklich verbunden sind. Es geht dabei weniger darum, Lokalkolorit zu erhalten, als um die Frage, ob wirklich alle künstlerischen Ansätze, Diskussionen und Ansprüche überall gleich relevant sind. Bei dem Internationalen Symposium wurde das in den Statements der beiden Zeitschriften-Herausgeber deutlich: sie haben Plattformen für lokale Diskurse. Unsere Vorstellung, dass alles in ein internationales Netz eingebunden sein muss, ist da nicht vorhanden. 
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kunstaspekte: Setzt man nicht bei heutiger Kunst auf eine allgemeinverbindliche und universale Ausdrucksform, die, um wirksam zu bleiben, Globalisierungsschritte mitgeht? Sie sagten einmal: Ich betrachte Kunst nicht als eine universelle Sprache, sondern im Gegenteil als eine Arbeit an Codierung und Dekodierung? Heißt das für Sie, das künstlerische Arbeiten nur im ihnen eigenen, auch regionalen Kontext sinnvoll gelesen werden können?

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Christian Hanussek: Die Arbeit eines westlichen Künstlers, die im Rahmen der global vernetzten Kunstwelt weltweit auf Biennalen geschickt wird, ist wohl kaum überall gleichermaßen wirksam. Unsere Vorstellung von Globalisierung ist ja ziemlich hegemonial und die Kunst ist dabei genauso organisiert wie die Wirtschaft und die Politik. So wie z.B. der Demokratieexport von G.W. Busch nicht überall auf der Welt so aufgenommen wird, wie sich das die US-Regierung wünscht, stößt auch Kultur- und Kunstexport nicht immer und überall auf Verständnis. Ich glaube, dass die Wirksamkeit von Kunst mit Vorsicht betrachtet werden muss und dass die westliche Kunstwelt sich notorisch überschätzt. Sie fühlt sich so sicher und mächtig mit ihren Institutionen, aber wie weit reicht diese Macht wirklich?

03.06.05 - 17.06.05 Gleichzeitig in Afrika... Akademie der Bildenden Künste Nürnberg

18.01.06 - 28.01.06 Gleichzeitig in Afrika... / Ausstellung+Symposium Universität der Künste, Berlin

Dominique Zinkpè / Les taxis

Boulevart Edition 2003

Glendora-eCulture

Chimurenga