14. Sep 2004

Ein Beitrag von Kiron Khosla zur Ausstellung 'Josef Kramhöller' im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf 2004

Da Wörter eine Erfahrung offensichtlich nicht adäquat ausdrücken können, ist also meine Dichtkunst, die diese Unstimmigkeit eingesteht, besser, als Werke die scheinheilig vorgeben die Wahrheit über Emotion und Existenz aussagen zu können. -Antonin Artaud-

Josef Kramhöller wurde in Wasserburg am Inn geboren und wuchs auf einem Bauernhof auf. Er studierte Kunst in München und lebte während der letzen vier Jahre seines Lebens in London. Selbstverständlich kann man seine Biografie lesen, aber sie wird einem nicht richtig weiterhelfen. Kramhöller verschrieb sich der Kunst, verkaufte Sandwiches an Büroarbeiter und aß die, die er nicht verkaufen konnte. Er schrieb viel über vieles, machte unentschuldbare Albernheiten, die er (glaube ich) Kunst nannte und rauchte viel Hasch. Dann hat er sich umgebracht. Was könnte einfacher sein – ein toter junger Künstler mehr. Ich kenne ein, zwei andere, die jetzt längst vergessen sind (und einige, die nicht so vergessen sind)... Wird man sich an ihn erinnern? Unter den vielen Dingen, die Kramhöller machte, findet sich auch ein kleines Taschenbuch, das man beim Besuch seiner Ausstellung im Kunstverein kaufen kann. Es ist ein kluges kleines weißes Ding mit dem Titel “Genuss Luxus Stil –sstems ideological milieu”. Das Buch erwähne ich hier, weil es das am leichtesten zugängliche Dokument ist, das er eigenhändig editierte und es so, wie es nun ist, in die Welt entlassen hat. Und es ist symptomatisch für den Ansatz, den Kramhöller in seinem weiteren Werk verfolgte – in seiner Malerei, seinen Zeichnungen, Photographien, Performances usw.. Das Buch wird, davon bin ich überzeugt, auf lange Sicht das einzige Kunstwerk und Dokument bleiben, das sein Anliegen vermitteln kann. Wenngleich es auch ein Teil des von Kramhöller gewebten Beziehungsgeflechts ist, weist die Buchform doch eher einen geschlossenen Rahmen auf und wird zum konzentriertesten Ausdruck seines Bestrebens. Es enthält Texte aus den Jahren 1989-99, also so ziemlich sein ganzes Erwachsenenleben und vielleicht ist es gerade das, wofür man sich seiner einmal erinnern wird. Spekulationen beiseite, dies ist ein kurioses Buch, geschrieben in Deutsch und Englisch. Schon der Titel ist ein gutes Beispiel. Für jemanden wie mich – Englishman und dyslektisch, aber doch in der Lage Deutsch zu lesen und zu sprechen – ließe sich der Titel wie “Genius luxurious Style”, oder “Genus Locus Still” lesen, oder einfach als das gute alte “Taste Luxury Style”… wir werden hier nicht versuchen ”sstems” zu entschlüsseln, aber man wird das Gefühl nicht los, dass er hier auf Stämme, Zweige oder Rhizome abzielen könnte.

Man hat mir erzählt, dass Kramhöller eine interessante Bearbeitung bzw. Kritik von Marxens “Das Kapital” geliefert hat, die er im Verlauf von 10 Jahren mit dieser ´Textwurzel’ verspleißt hat. Und hier im Buch ist das drin! Wer das Buch in die Hände bekommt, kriegt ein Gefühl davon wie man “Die Gute Mensch Welt” zu verstehen hat. Dieser kleine Titel unter dem Untertitel steht exemplarisch für eines seiner Themen, nämlich Geld, und – wenn man den Wortwitz weiter treiben will – die Gut-heit der Menschen*. Viel Humor hat Kramhöllers Gespenst! Aber nicht den zynischen Humor von einem, der schon alles weiß, sondern den Humor, der sich einstellt, wenn man eine Person sieht, die eigentlich zum Bauer bestimmt, zu einem tragischen Poeten Philosophen Künstler und Komödianten geworden ist, und gezwungen, sich mit den absurden Launen menschlicher Werte anzulegen. Anscheinend konnte er Leute ziemlich irritieren und provozieren. Beides, die Gespräche mit Leuten, die er traf, und die Kunst, die er produzierte, war ständig am Rande des Dissonanten und Abstoßenden. Warum kanonische Texte in der Öffentlichkeit vortragen? Warum Performances machen, die absurder sind als Dada, Yoko Ono oder Otto Mühl? Warum denn unsinnige Bilder malen wie o.T. (orangefarbenes Vaselinebild) auf dem er einen Vaselineklumpen anbringt, zuschaut wie der runterfällt, und er dann – sich vor einem fiktiven Publikum überschwänglich und pathetisch entschuldigend – die Vaseline wieder anbringt. Auf diese Weise vollführt er nicht nur den Zyklus des Anbringens und Abfallens, sondern wünscht implizit auch, dass die Vaseline auf der Leinwand kleben bleiben solle oder wolle. Für mich ist das eine grandiose Unterschlagung von Materialeigenschaften – ähnlich wie wir Geld benutzen, um Staatskriegsmaschinen zu bauen, anstatt zu erkennen, dass wir genügend Naturschätze haben, um die Menschheit sich fortpflanzen zu lassen, zur friedlichen Überbevölkerung der Erde. Aber zumindest er entschuldigt sich für seine Unzulänglichkeit!

Eine andere Arbeit, der man sich leicht nähern kann, ist der seltsame Besen in der Ecke, dessen Stiel in einem Hammerkopf endet und der so an der Wand lehnt, dass er einen fotokopierten Hundert DM-Schein festklemmt, ihn quasi am Herunterfallen hindert. Man könnte meinen, dass unser Glaube an die Aufrechterhaltung der konkreten Zirkulation von Tausch durch einen abstrakten Mehrwert auf wackeligen Beinen steht und nur durch die Ausübung von Zwang aufrecht erhalten wird. Natürlich ließen sich hier auch viele andere Tangenten anlegen. Die Tatsache, dass Kramhöller selbst eine Ein-Pfundnote benutze, die Kuratoren der Ausstellung jedoch nicht, sagt bereits viel darüber aus, wie erbärmlich eine Ein-Pfundnote tatsächlich ist und dass die Kuratoren sich nicht so gründlich blamieren wollten, wie es Kramhöller immer wieder betrieb. Es ist symptomatisch für seine Kunst, das könnte ich noch anfügen, dass manche Leute, die beispielsweise das zeichnerische Geschick dieses “verrückten” Künstlers preisen, seinen tatsächlichen Genius missen. Man kann natürlich auch fragen, ob der Autor dieser Zeilen mehr davon versteht. Aber sehen Sie sich die Ausstellung an und entscheiden Sie selbst. War Kramhöller nun wirklich ernsthaft um das bemüht, was er tat, oder war das lediglich eine Art Slapstickkomödie voller Fehler?

Ich habe das Gefühl, dass es sich bei ihm eher um eine tragische Komödie wie im Film Noir oder im klassischen, griechischen Sinne handelte, denn um eine Farce. All die Selbstreflektionen, Taktiken, Strategien und Einsichten können nicht von der Tatsache ablenken, dass das, was wir von uns selbst und über die Welt denken, nichts anderes ist, als eine Art gordischer Knoten, ein Rätselspiel mit Protagonisten wie aus einem Kafkaesken Spiel, das sich in seiner ganz eigenen Weise entwickelt. So lese ich im Katalog des Kunstvereins in einem Interview zwischen Kathleen Rahn, Amelie von Wulffen, Stephan von Dillemuth und Axel Rose Wieder, dass Kramhöller ”... immer das Gefühl hatte, um ihn herum würde etwas stattfinden, das er nicht versteht, dass alle anderen miteinander kommunizieren und so einen gemeinsamen Level hätten, zu dem er keinen Zugang hätte”.

Aber haben wir so ein Gefühl nicht dauernd? Wir unterdrücken es nur und hoffen, dass Vernunft und Verstand diese innere Leere zu kompensieren vermögen. Vielleicht kamen die Performances seiner gefühlten inneren Leere am nächsten. Seine Performances – ein halber Schritt weg vom Theater und irgendwo zwischen Skulptur und Film – vermitteln uns annähernd eine Idee von seinem täglichen Zwiespalt. Zu Beginn dieser Lobrede habe ich Antonin Artaud zitiert, denn Artaud kam mir just in den Sinn als ich gefragt wurde, über diese Ausstellung zu schreiben. Über sein “Theater der Grausamkeiten” schrieb Artaud in einem Brief an J. Paulhan vom 14. November 1932, Paris: “Ich benutze das Wort “Grausamkeit” im Sinne eines Hungerns nach Leben, kosmischer Präzision, unerbittlicher Notwendigkeit, eines Strudels des Lebens im gnostischen Sinne, der die Dunkelheit verzehrt, im Sinne eines unentrinnbar notwendigen Schmerzes, ohne den das Leben nicht weitergehen könnte... Theater, im Sinne von dauernder Schöpfung, ein durch und durch magischer Akt, gehorcht dieser Notwendigkeit”. Artaud wollte, dass Leben und Theater miteinander kollidieren. Ist Performance ein Kind dieses Zusammenstoßes? Ist sie ein Wiederschein des Lebens, lebend im Sinne des Theaters der Grausamkeit? Spiegelt sie einen schonungslosen und notwendigen Leidensstrudel, einen magischen Akt der dauernden, permanenten, schmerzvollen Schöpfung? Waren die Performances von Kramhöller vielleicht auch ein Theater der Grausamkeiten voller Leere und Entfremdung? Zeigen sie uns vielleicht einen Weg, wie wir die Auswirkungen der momentanem Verteilung von Reichtum in der Welt und unsere Kollaborationen damit in Beziehung setzen können?

Fangen wir an, den Traum von einem schmerzfreien bürgerlichen Leben zu hinterfragen, wenn wir uns jenseits von Hoffnung und Angst eine ´danse macabre’ des Leidens wie einen magisch humorigen Gast ins Haus holen? Ihre Meinung dazu ist ebenso gut wie meine. Da ich Kramhöllers Performances weder in der Körperwelt, noch auf Video gesehen habe, schreibe ich nur vom Hörensagen (hearsay / Häresie). Wenn all publicity good publicity ist, dann könnte ich nun auch behaupten, ich hätte in der Ausstellung im Kunstverein nicht allzu gut aufgepasst. Aber ich schreibe eben nicht wegen „publicity“, sondern aus dem selben Grund den die Leute hatten, die genau diesen Künstler zeigen wollten! Kramhöller ist eine Art borstig punkiger Un-Typ, der die Welt problematisiert in der wir leben. Es scheint, dass es ihm nicht genügte sein Leben zu leben, ohne zumindest zu versuchen, von seinem staatlich organisierten Körper weg zu brechen.

Noch einmal zitiere ich Artaud – ein bisschen zweitklassige Werbung – hier aus seinem Gedicht “Genug vom Urteil Gottes”: Der Mensch ist krank, weil er schlecht konstruiert ist. / Man muß sich dazu entschließen, ihn bloßzulegen, um ihm diese Mikrobe abzukratzen, die ihn zu Tode reizt / Gott / Und mit Gott / Seine Organe. / Denn binden sie mich, wenn sie wollen, / Aber es gibt nichts Nutzloseres als ein Organ. / Wenn Ihr ihm einen Körper ohne Organe gebaut habt, / Dann werdet Ihr ihn von all seinen Automatismen befreit / Und ihm seine wahre Freiheit zurückerstattet haben. / Dann werdet Ihr ihm wieder beibringen, / Wie im Delirium der Musetten verkehrt herum zu tanzen, / Und diese Kehrseite wird seine wahre Seite sein."

Ich hatte nicht die Absicht, Kramhöller in Hinblick auf Artaud zu analysieren, aber ich sehe in der Wahl ihrer Ausdrucksformen einiges, das sie zu Busenfreunden gemacht hätte. Und vor allem mag ich ihr Briefeschreiben, denn sie haben meine beiden Lieblingsbriefe verfasst. Artaud schrieb an Hitler, um sich für sein schlechtes Benehmen im Cafe Ider in Berlin zu entschuldigen. Er gab Hitler die Wahl, zu tun was er wollte. Er beendet den Brief “P.S. Verstehen Sie bitte, werter Herr, dass dies nicht als Einladung verstanden werden kann, vor Allem ist es eine Warnung”. Kramhöller schrieb einen offenen Brief ”To apologise most seriously for annoyance, bad behavior and unsatisfied expectations in the last ten months.” – ”um sich ernsthaft für Langeweile, schlechtes Verhalten und unerfüllte Erwartungen in den letzten zehn Monaten zu entschuldigen”. Dann machte er eine vollständige Liste all jener Leute, die er in London und Europa vielleicht verärgert haben könnte. Er beendete den Brief ”should there still be credit for real art phone 0171/9168030”. Diejenigen, die diesen exzellenten Brief lesen wollen, sollten sich sein Buch “Genuss Luxus Stil sstems – ideological milieu” zu Gemüte führen. Auch wenn Kramhöller, ähnlich wie Artaud, wenig Erfolg für sich selbst gewinnen konnte, sollte man doch realisieren, was durch die beiden für uns alle gewonnen wurde. Ich bin sicher das ist der Grund warum es nun diese Ausstellung gibt. Sehen sie selbst ob wir da falsch liegen!

*Gute =do good; Gut = possessions, property, goods

Geschrieben von Lord Khosla, unter Mitarbeit vieler seiner Untertanen. Aus dem Englischen übersetzt: Ralph McDavid und Valeria Frangine.