15. Oct 2004

Rückblick auf die Ausstellung Afrika Remix in Düsseldorf museum kunst palast, 15.10.04

kunstaspekte: Herr Martin, sie stellen in Ihrem Katalogbeitrag fest, dass wir im Westen die Grenzen in Bezug auf die zeitgenössische Kunst zu eng stecken. Sie wünschen sich, dass wir uns weniger hinter diskursiven Formen verschanzen. Können Sie das in Hinsicht auf Ihre Erfahrung mit der Ausstellung, die nun langsam ihrem Ende in Düsseldorf entgegen geht, weiter erläutern? 
 

Martin: Diese Ausstellung ist hauptsächlich auf eine ganz junge Generation fokussiert. Viele dieser Künstler haben die Strategien gut verstanden, wie man sich im Westen mit Hilfe von Galerien und Museen durchsetzen kann. Es gibt aber auch einige Künstler, die nicht zu dieser Gruppe gehören, die ein wenig älter sind. Es sind Künstler, die ich mit meinen Kollegen damals in den 80er Jahren für die Ausstellung "Magiciens de la terre" entdeckt bzw. das erste Mal ausgestellt habe: zum Beispiel Frédéric Bruly Bouabré oder Bodys Isek Kingelez, die absolut keinen Zugang zu unserem Kunstkreis hatten. Und das ist es, was mich interessiert, dass man sich nicht auf die Welt der Galerien, Museen und der Medien beschränkt, sondern dass man die Augen auch über diese Einrichtungen hinaus offen hält. Ich finde, dass das meine Kollegen zu wenig machen. 

kunstaspekte: Ist diese Ausstellung für Sie eine Art Entwicklungshilfe, die afrikanische Kunst auf den Rang westlicher Kunst zu heben? Oder ist dies schon passiert?  


Martin: Nein das ist nicht passiert. In der westlichen Welt gilt der finanzielle Wert sehr viel. Und der hat für uns Museumsleute sehr wenig mit dem intellektuellen und künstlerischen Wert zu tun. Wir sind noch sehr weit entfernt davon, dass die afrikanischen Künstler auf dem Markt anerkannt werden. Das entwickelt sich erst langsam. Es hängt auch davon ab, wie sich die Künstler selber verhalten und wie sie mit der Macht der Medien und Institutionen umgehen. Einige können ziemlich leicht ähnliche Strategien und Netzwerke wie die unseren entwickeln, andere verstehen es nicht oder haben kein Interesse daran. Wir haben eine Tendenz als Kuratoren in den Museen, auch nur solche Künstler zu erkennen, die in diesen Netzwerken präsent sind.  

kunstaspekte: Sie haben ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es im Moment darum geht, Positionen afrikanischer Kunst im Nebeneinander zu zeigen, um die damit verbundene Vielfalt zu dokumentieren: das ist der Status quo möglicher aktueller, afrikanischer Kunst. Gibt es darüber hinaus bei Ihnen Reflexionen, ob es erkennbare Gemeinsamkeiten und Eigenarten innerhalb der vorgestellten Arbeiten geben kann?  


Martin: Wir haben uns geweigert, eine sogenannte "afrikanische Kunst" zu definieren. Wir haben immer gesagt, die Ausstellung ist wie ein Panorama, in dem wir die Künstler, die wir richtig gut finden, zeigen wollen, um das Publikum aufmerksam zu machen. Dass sich einige schon, wie ich vorhin erklärte, in den Netzwerken der Galerien, der Sammler usw. befinden, wie z.B. Marlene Dumas, Ghada Amer oder Yinka Shonibare, der jetzt richtig Karriere macht, ist keine Frage.

 

Und wenn wir von Marlene Dumas oder Ghada Amer sprechen, so sind sie gar nicht als "afrikanisch" anerkannt. Es gibt eine große Diskussion darüber, inwieweit Künstler, die aus Afrika stammen und sich in den genannten Netzwerken bewegen, ihre afrikanische Identität verloren haben. Ich denke, es muss hier einen richtigen Dialog geben, und ich möchte mit dieser Ausstellung dazu beitragen, Künstler aus einer anderen Kultur mit ihren Bedingungen und ihrer Geschichte zu zeigen, ohne sie mit universellen, westlichen Ideen und Gedanken zu vereinnahmen. Ich fühle, dass wir in den Museen ein Gegengewicht z.B. zu den Galerien erzeugen können, damit die Künstler nicht nur darauf begrenzt sind. Das ist heute die sehr wichtige Aufgabe der Museen. Früher konnte man das in Museen nicht machen. Heutzutage hat man diese Freiheit. Man muss dem Publikum zeigen, dass sich die Kunst nicht nur auf bestimmte Märkte oder Netzwerke beschränkt. 

kunstaspekte: Die Kritik stellte zum Teil, wie Sie eben erläuterten, fest, dass Künstler aus der Diaspora, die nicht mehr in Afrika leben, nicht in die Ausstellung gehören. Ich bin der Meinung, dass diese Grenzziehung im Rahmen der Globalisierung, die den afrikanischen Kontinent auch trifft, nicht sinnvoll ist. 
 

Martin: Genau. Darüber kann man stundenlang diskutieren. Das Argument ist sicher ein wenig kindisch. Heutzutage kann man westliche Künstler auch nicht mehr durch eine Nationalität festlegen. Wenn Sie genau hinschauen, dann haben viele einen Pass einer bestimmten Nationalität, sind aber in einem anderen Land geboren und wohnen in einem dritten Land. Ich sehe nicht ein, warum das nicht auch für Afrikaner gelten sollte. Hinzu kommt noch der folgende wichtige Zusammenhang: wenn man heute afrikanischer Künstler ist und seine Arbeit bekannt machen will, dann muss man in den Westen gehen. Das gehört zur Strategie.

 

Deshalb sind es schon komische Bemerkungen von Leuten, die so argumentieren, als ob die Afrikaner unter sich und nett afrikanisch bleiben sollen. Da geht es doch eher darum, wie wir im Westen sie sehen möchten, und nicht darum, wie man sich heute weltweit bewegt und handelt. Wenn man als afrikanischer Künstler die Möglichkeit und die Mittel hat, dann reist man, geht in den Westen und versucht sich dort eine Position zu schaffen.

 

Ich bin aber einverstanden damit, dass man in einzelnen Fällen, wie z.B. bei Marlene Dumas oder Ghada Amer, diese Diskussion führt. Sie hat auch in unserer Kuratorenrunde stattgefunden. Wir haben uns gedacht, wir beziehen sie ein, weil es auch bei diesen beiden Frauen immer etwas Afrikanisches gibt. Auf dieser Basis hat sich auch ihre Kunst entwickelt, während der Kindheit oder der Ausbildung, die in Afrika stattgefunden haben. Das kann man immer noch im Werk erkennen.

 

Es gibt aber auch die andere Diskussion, die in der Presse stattgefunden hat, und über die ich staunte. Einige Kritiker sagten, die Ausstellung sei nicht exotisch genug. Ich bin vorher, in den 80er Jahren, sehr stark angegriffen worden, weil mancherlei zu exotisch gewesen wäre, und jetzt findet man, dass es fehlt. Ich finde es interessant, diese ständigen Veränderungen und Entwicklungen mitzumachen. 
 

kunstaspekte: Herr Martin, ich danke Ihnen für das Gespräch.


link: Africa Remix, 24.07.04 - 07.11.04, Museum Kunstpalast, Düsseldorf, Ausstellungsseite in kunstaspekte

weitere Stationen: Mori Art Museum, Tokyo; Hayward Gallery, London; Centre Pompidou, Paris